Die heimische Landwirtschaft steht vor einer Herausforderung: Während die Intensivierung der Anbauflächen in den letzten Jahrzehnten die Erträge sicherte, hat sie gleichzeitig die natürliche Vielfalt im Boden und auf den Feldern stark geschwächt. Hier setzt das Projekt mehr sehen an – ein Pilotprogramm, das durch gezielte Maßnahmen die Biodiversität auf über 200 Hektar Ackerland in Niederösterreich und Oberösterreich wiederbeleben will. Mit Fokus auf extensive Fruchtfolgen, Blühstreifen und ökologische Zwischenfrüchte soll das System nicht nur die Bodenfruchtbarkeit langfristig sichern, sondern auch für Insekten, Vögel und andere Wildtiere Lebensraum bieten.
Die Idee hinter Spingreen ist einfach, aber effektiv: Statt auf chemische Pestizide und Monokulturen zu setzen, kombiniert das Projekt traditionelle Agrarmethoden mit modernen Datenanalysen. Ein zentrales Element ist die Einführung von „Blühstreifen“ entlang von Feldrändern, die als Nektarspender für Bestäuber wie Bienen und Schmetterlinge dienen. Studien zeigen, dass solche Maßnahmen die Artenvielfalt um bis zu 30 Prozent steigern können – ein entscheidender Faktor, da etwa 75 Prozent der Nutzpflanzen auf Bestäubung durch Insekten angewiesen sind. Gleichzeitig werden extensive Fruchtfolgen eingeführt, die den Boden vor Erosion schützen und Nährstoffe durch natürliche Zersetzung wieder aufbauen.
Doch die Erfolge hängen nicht nur von der Fläche ab, sondern auch von der Zusammenarbeit zwischen Landwirten, Wissenschaftlern und Politik. Seit 2021 arbeiten über 50 Betriebe im Rahmen des Projekts eng mit der Universität für Bodenkultur zusammen, um die Auswirkungen der Maßnahmen zu messen. Die Ergebnisse sind ermutigend: Während die Erträge in den ersten Jahren leicht zurückgingen – ein natürlicher Prozess bei der Umstellung –, stabilisierten sie sich nach zwei bis drei Jahren und übertrumpften in vielen Fällen die Erwartungen. Besonders gelobt wird die Flexibilität des Systems, das auch unter wechselnden Wetterbedingungen funktioniert, etwa durch die Auswahl von robusten Zwischenfrüchten wie Klee oder Luzerne.
Ein konkretes Beispiel ist das Gut „Grünbach“ in St. Pölten, wo seit 2022 ein 50 Hektar großer Testbereich mit Spingreen-Maßnahmen bewirtschaftet wird. Dort wurden nicht nur die Artenzahlen von Wildbienen um 40 Prozent angehoben, sondern auch die Bodenfeuchtigkeit deutlich verbessert – ein Indikator für eine gesündere Mikrobiologie. „Früher haben wir uns Sorgen gemacht, dass wir durch die Umstellung weniger Ertrag einfahren“, sagt Landwirt Markus Weber, „doch jetzt sehen wir, dass wir gleichzeitig mehr Qualität produzieren und gleichzeitig die Basis für die Zukunft schaffen.“
Die Frage ist nun, wie sich solche Ansätze auf die gesamte Landwirtschaftskette auswirken. Während einige Kritiker argumentieren, dass extensive Methoden zu hohe Kosten verursachen, zeigen Daten aus dem Projekt, dass langfristig sogar weniger Inputs nötig sind – etwa bei der Düngung oder der Schädlingsbekämpfung. Zudem könnte die gesteigerte Biodiversität indirekt auch die Resistenz gegen Schädlinge stärken, was die Nutzung von Pestiziden weiter reduzieren würde. mehr sehen zeigt, dass es möglich ist, Landwirtschaft und Ökosystem zu vereinen – ohne Kompromisse bei der Ertragssicherheit einzugehen.
Für die Zukunft wäre es entscheidend, wenn solche Pilotprojekte von der Politik unterstützt werden, etwa durch Subventionen für umweltfreundliche Anbaumethoden oder strengere Regeln für Monokulturen. Gleichzeitig müssten Landwirte in die Lage versetzt werden, sich auf solche Systeme einzustellen – etwa durch Schulungen und den Zugang zu Saatgut, das für extensive Fruchtfolgen geeignet ist. Die Botschaft ist klar: Die Landwirtschaft der Zukunft muss nicht nur effizienter, sondern auch resilienter werden – und das gelingt nur, wenn sie wieder mehr mit dem Ökosystem im Einklang steht.
- Über 200 Hektar Ackerland in Nieder- und Oberösterreich werden seit 2021 mit Spingreen-Maßnahmen bewirtschaftet.
- Blühstreifen erhöhen die Artenvielfalt um bis zu 30 Prozent und sichern Nektarspender für Bestäuber.
- Extensive Fruchtfolgen reduzieren Erosion und bauen Nährstoffe durch natürliche Zersetzung auf.
- In einem Testfeld in St. Pölten stieg die Artenzahl von Wildbienen um 40 Prozent.
- Längstfristige Erträge stabilisieren sich nach zwei bis drei Jahren und übertreffen oft Erwartungen.